
Schwemmholz sammeln: Was das Wasser zurücklässt
Am liebsten zieht es mich am späten Nachmittag an das Ufer. Dann, wenn die Familien den Heimweg antreten, die Jogger ihre letzten Runden gedreht haben und die Natur langsam zur Ruhe kommt. In diesen Momenten gehört das Ufer wieder ganz sich selbst – und es wird still genug, um richtig hinzuschauen.
Ich erinnere mich noch gut an mein allererstes Fundstück. Es faszinierte mich so sehr, dass ich es aufhob, mit nach Hause nahm und auf den Tisch legte. In den Tagen danach blieb mein Blick immer wieder daran hängen.
Das war der Anfang meiner Leidenschaft.

Was mit dem Holz passiert, bevor ich es finde
Schwemmholz ist Holz, das eine lange Reise auf dem Wasser hinter sich hat. Ein Baum, der das Gleichgewicht verliert, ein Ast, der bei Sturm bricht, oder ein Hochwasser, das mitreisst, was am Ufer stand: Sobald das Holz im Wasser landet, beginnt ein Verwandlungsprozess, den kein menschliches Werkzeug je nachahmen könnte.
Die Strömung wäscht unermüdlich die Rinde ab. Das Wasser löst die weichen Fasern und legt den harten, unnachgiebigen Kern des Holzes frei. Sonne, Wind und Wetter bleichen die Oberflächen, bis sie diese charakteristische, matte Textur erhalten. Jedes Kiesbett, jede Kehrströmung und jede Kurve im Flusslauf hinterlässt eine unverkennbare Spur.
Es ist ein geduldiges Handwerk der Natur – ein Prozess, der Monate oder oft viele Jahre dauert.
Keine zwei Stücke sind gleich. Jeder Ast nimmt einen anderen Weg, trifft andere Steine, liegt anders im Wasser. Was dabei entsteht, lässt sich nicht wiederholen.
Schwemmholz oder Treibholz – dasselbe, anderer Name
In der Schweiz kennt man das Wort Schwemmholz, in Deutschland und Österreich heisst dasselbe Material Treibholz. Zwei Begriffe, ein Holz – wer online sucht, stolpert unweigerlich über beide.
In der Schweiz hat sich «Schwemmen» gehalten, weil die Holzflösserei hier lange Tradition hatte. Stämme wurden über Flüsse und Seen transportiert, das war ganz normaler Alltag. Das Wort hat überlebt, auch wenn die Flösserei längst verschwunden ist. Ich finde das schön – so ein Wort, das mehr Geschichte trägt, als man ihm ansieht.
Wo man sucht – und warum die meisten Ufer nichts hergeben
Das Erste, was ich gelernt habe: Nicht jedes Ufer gibt etwas her. Und ich habe das auf die harte Tour gelernt, durch viele Touren, von denen ich mit leeren Händen zurückgekommen bin.
Gepflegte Badestrand-Ufer werden regelmässig geräumt. Betonufer sowieso. Was man sucht, sind Stellen abseits der Wege – naturbelassen, ein bisschen verwildert, Stellen wo das Wasser ablegen kann, ohne dass jemand sofort aufräumt.
Der Thunersee ist mein Heimgewässer.
Die Aare funktioniert anders als ein See. Flüsse haben eine Logik, die sich an Biegungen ablesen lässt. Dort wo das Wasser langsamer wird – hinter Steinen, in Buchten, an Inseln – setzt sich das Schwemmgut ab. Ich fahre manchmal einfach einem Ufer entlang und schaue, bevor ich aussteige. Man entwickelt ein Gefühl dafür.
Der Brienzersee bringt nach der Schneeschmelze oft besonders schönes Material. Die Bergbäche, die dort münden, arbeiten hart im Frühling – und was sie mitbringen, ist manchmal aussergewöhnlich.
Die Auswahl: Welches Holz bleibt – und welches nicht
Mit der Zeit entwickelt man ein feines Gespür dafür – oft schon, bevor man das Stück überhaupt richtig in den Händen hält. Richtig gutes Schwemmholz fühlt sich leicht an. Überraschend leicht. Es ist durch und durch trocken, seine Oberfläche schimmert silbrig-grau, und das Material ist so fest, dass es auf Druck kein bisschen nachgibt.
Alles, was noch dunkel ist, feucht riecht oder sich weich anfühlt, lasse ich konsequent liegen. In meinen Anfängen habe ich ab und zu eine Ausnahme gemacht, aber die Erfahrung zeigt einfach: Es lohnt sich nicht.
Selbst wenn ich ein schön geformtes Stück finde, das aber noch ganz frisch angespült wurde, bleibt es am Ufer. Es ist einfach noch nicht bereit. Also lasse ich es liegen und hoffe darauf, dass es beim nächsten Mal immer noch da ist – perfekt gereift durch die Natur.
Was passiert, wenn ich ein gutes Stück finde
Ich könnte mit gesägtem Holz arbeiten. Gleichmässig, vorhersehbar, jederzeit nachbestellbar. Viele machen das.
Aber da wäre dieses Gefühl nicht – das entsteht, wenn ich ein Stück aufhebe und schon weiss, was daraus werden soll. Nicht weil ich es entscheide, sondern weil das Holz es nahelegt. Eine Krümmung, die nach einer Girlande verlangt. Eine Gabelung, die als Wandstück funktioniert und als nichts anderes. Manchmal ein Stück, das so gut ist, dass ich es wochenlang im Atelier liegen lasse und einfach nur anschaue.
Das klingt vielleicht übertrieben. Für mich ist es der eigentliche Kern der Arbeit.
Jedes NaturAline-Stück trägt die Geschichte seines Weges. Das ist kein Versprechen auf der Website – es ist buchstäblich wahr. Und ich finde, man sollte das wissen, wenn man es nach Hause bringt.
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Häufige Fragen
Ist Schwemmholz dasselbe wie Treibholz?
Ja, vollständig. «Schwemmholz» ist der im Schweizer Sprachraum gebräuchliche Begriff, «Treibholz» wird vor allem in Deutschland und Österreich verwendet. Beides bezeichnet Holz, das durch Wasser bewegt und an einem Ufer abgelagert wurde.
Wo findet man Schwemmholz?
An naturbelassenen Ufern abseits von Badestränden, besonders nach Stürmen oder im Frühling. Flussbiegungen, Buchten und Stellen hinter grossen Steinen sind ergiebiger als gerade Uferabschnitte.
Wie erkenne ich gutes Schwemmholz?
Es ist vollständig trocken, fühlt sich überraschend leicht an und hat eine silbrig-graue Oberfläche. Weiches, feuchtes oder dunkel verfärbtes Holz lohnt sich in der Regel nicht.
Darf man Schwemmholz mitnehmen?
Das hängt vom Standort und Kanton ab.
👉 [Baldiger Beitrag: Darf man Schwemmholz mitnehmen? Die Rechtslage]
Wie verarbeitet man Schwemmholz weiter?
Zuerst trocknen, dann reinigen, dann je nach Verwendungszweck behandeln.
👉 [Baldiger Beitrag: Schwemmholz reinigen, trocknen, behandeln]

